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Bernhard Weisser: Laudatio auf Johannes Wienand, Walter-Hävernick-Preis 2013


Constantin I., auch Konstantin der Große genannt, der von 306 bis 337 regierte, ist der römische Kaiser, der mit der spätantiken Zeitenwende hin zur offiziellen Duldung des Christentums in Verbindung gebracht, das Buch erschien passend zum 1700sten Gedenkjahr der ‚konstantinischen Wende‘ von 312/313. Die Akzeptanz eines römischen Kaisers basierte auf ‚auctoritas’, dem Ansehen, dass er sich durch verschiedene Tugenden, Verhaltensweisen und Vernetzung mit den verschiedenen Machtgruppen verschaffte. Ein wesentlicher Punkt dabei war das gute Verhältnis zum Militär. Johannes Wienand hat sich die Aufgabe gestellt, die Selbstdarstellungen des Kaisers als Sieger und deren Veränderungen im Laufe der Herrschaft zu untersuchen. Hierfür zog er zwei Quellengattungen heran: die Herrscherpanegyrik und die Münzen. Die uns überlieferten Lobreden auf den Kaiser gehörten zu den Formen der Kommunikation von Städten mit dem Kaiser. Als geladene Festredner traten die gebildeten Redner und Angehörigen der städtischen Oberschicht vor dem Kaiser auf und nutzten die Gelegenheit der Kaisernähe, um Privilegien für ihre Heimatstädte und sich zu erlangen. Die Kommunikation zwischen Panegyriker und Kaiser lässt sich damit als eine Form des Gabentausches beschreiben. Die Panegyrik kann als fester Bestandteil des spätantiken höfischen Zeremoniells angesehen werden (Wienand 36 f.). Die literarische Gattung der Lobrede, man denke etwa an Velleius Paterculus, hatte sich bereits mit Entstehung der Alleinherrschaft in der römischen Ausformung des Prinzipates etabliert. Es gab Topoi des Herrscherlobes. In der Ausformung und Akzentsetzung bieten die Lobreden jedoch unmittelbare Hinweise auf die den Kaiser interessierenden Themen, von denen sich die Rhetoren Erfolg beim Kaiser versprachen. Die römische Reichsprägungen werden zunehmend auf die Frage nach den ersten Adressaten hin untersucht. Für wen waren die Münzen und Medaillen bestimmt? Johannes Wienand weist einerseits auf die verschiedenen Empfängergruppen von Gold-, Silber- und Bronzemünzen hin, zum einen auf Zahlungskontexte. Den Soldzahlungen als einem wesentlichen Grund zur Verteilung frisch geprägten Geldes, diente eben auch zu Verbreitung neuer Repräsentionsthemen. Wienand betont (S. 85), „Hier trug auch eine einfache Bronzemünze dazu bei, durch ihr Bild- und Textprogramm den Kaiser als Brennpunkt der gesellschaftlichen Hierarchie und somit als Objekt kollektiver Affirmation zu markieren, während die Reverslegenden und -abbildungen Schlaglichter einer positiven Herrscherimago setzten.“ Im Zusammenhang mit als Extrazahlungen und teilweise in feierlichen Rahmen Inszenierten stipendia, donativa, congiaria und sonstiger largitiones kommen Münzen und Medaillen für das Verständnis imperialer Selbstdarstellung eine besondere Bedeutung zu. Dere Zeugniswert beschreibt Johannes Wienand wie folgt (85f.): „ Die Details der kommunikativen Vollzüge, in denen Münzen und Medaillons in diesem Sinne als Medien kaiserlicher Herrschaftsrepräsentation temporär an Bedeutung gewannen, lassen sich heute nur bruchteilhaft rekonstruieren ‒ dem Unbill der Zeit getrotzt hat lediglich das Metall, so dass primär die Münzen und Medaillons in konkurrenzlos umfassender Weise vorliegen und als Ansatzpunkt für eine Analyse der kaiserlichen Herrschaftsrepräsentation genutzt werden können. Die Asymmetrie der Überlieferung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Münzen und Medaillons ‒ wie auch die Panegyrik ‒ ihre kommunikative Funktion nur in einem dichten Geflecht aus Inszenierungen, Narrativen und Symbolen entfalten konnten. Die Münz- und Medaillonprägung einerseits und die Panegyrik andererseits haben damit trotz ihrer charakteristischen Unterschiede und trotz ihrer weitgehend distinkten Funktionalität in den zeremoniellen Abläufen der römischen Herrschaftspraxis eines gemeinsam: Sie ermöglichen den analytischen Zugriff auf die Aushandlungsprozesse, in denen sich die Gestalt der römischen Monarchie stets aufs Neue zu konstituieren und zu legitimieren hatte, und gewähren damit zugleich detaillierte Einblicke in die permanenten Auseinandersetzungen des Kaisers mit den wechselnden Ansprüchen an die Ausgestaltung seiner Rollenmodelle, durch die die politische Ordnung des römischen Imperiums zu andauernden Anpassungsleistungen, sprich zu historischem Wandel, gezwungen war.“ Der methodisch interessante und erfolgreiche Ansatz von Johannes Wienand bestand nun darin, die Lobreden auf Constantin I. und die gleichzeitigen Münzen auf gemeinsame aussagekräftige Aussagen hin zu untersuchen. Wienand untersucht die Panegyrici der Jahre 307 (VII [VI]), 310 (VI [VII]), 313 (XII [IX]) und 321 (IV [X]) und analysiert sie zusammen mit der zeitgleichen Münz- und Medaillenprägung. Für beide Gattungen kann er parallele Entwicklungen in der triumphalen Selbstdarstellung feststellen. Stehen zu Beginn der Herrschaft die konkreten Siege, etwa gegen die Franken, im Vordergrund, so wird er später der immerwährende weltbeherrschende Sieger. Stellt er sich zu Beginn in den Schutz der siegbringenden Gottheiten wie Sol Invictus, so wird er erst zum Begleiter (‚comes’) des Sol, nach 324/25 verschwindet Sol aus der Goldprägung, während der immer triumphierende Kaiser selbst die Züge und Attribute, wie etwa den Nimbus annimmt. Aus Beschreibungen wie lux aurea mundi, pater almus und salus orbis wird deutlich, dass Constantin in seiner Selbstdarstellung „also kein Krieger mehr, sondern ein friedvoller Beherrscher des gesamten Erdkreises“ war (S. 379). Mit seiner vergleichenden Methode öffnet Wienand einen neuen Blick für das Verständnis vieler Münzbilder. Das Buch besticht durch eine Fülle interessanter Einzelbobachtungen und Details. Wienand erweist sich dabei als guter Dolmetscher zwischen den Disziplinen. Zwei Beispiele mögen dies illustrieren: Zum Verständnis der Reliefs am Konstantinbogen, Münzen und den Medaillen, die den Kaiser in einer verstörend wirkenden direkten Weise mitten im direkten Kampf zeigen, trägt das Panegyrikum von 313 bei, das den Kaiser mitten im Kampfgeschehen der Schlacht von Verona beschreibt: „Im dichtesten Gedränge des Kampfgewühls bahnte er sich durch schreckliches Gemetzel (caedes) eine Schneise durch die feindlichen Schwerter und Geschosse. Nach dem siegreichen Ausgang der Schlacht wird Constantin mit bebender Brust (anhelum pectus) und blutverschmierten Händen (cruenta manus) von seinen Gefolgsleuten (comites und tribuni) aufgefunden“ (S. 204). Im Bild des mit blutverschmierten Händen seine Gegner tötenden Imperators wird die „ultimative Entgrenzung kaiserlicher virtus im Bürgerkrieg“ erreicht (S. 204). Umgekehrt dürfte den meisten Historikern bisher die an nicht ganz zentraler Stelle publizierte Beobachtung von Dieter Alten entgangen sein, dass die Caesares noch 323 auf den Beata Tranquillitas Folles als Solprister dargestellt sind (S. 311 ff.). Wer in dieser Weise die numismatischen Quellen in Kontexte stellt, hat nach Auffassung der Numismatischen Kommission eine preiswürdige Arbeit verfasst. Johannes Wienand wurde am 16. Mai 1978 geboren. Nach Abitur in Böblingen und Zivildienst studierte er Geschichte und Philosophie in Tübingen, Wien und Konstanz, wo er 2006 sein Studium mit dem Magister Artium abschloß. Bereits im Magisterabschluss erlangte er die Gesamtnote: sehr gut. In diese Studienphase fiel ein längerer Studienaufenthalt als Visiting Scholar am Department of Philosophy und am Department of History and Philosophy of Science an der University of Pittsburgh, PA. Unmittelbar an den Magisterabschluss erfolgte die erste Anstellung als Wissenschaftlicher Angestellter am Sonderforschungsbereich „Norm und Symbol“ an der Universität Konstanz. Ab 2009 schloss sich eine zweite Anstellung am SFB „Ritualdynamik“ an der Universität Heidelberg an. Die Promotion erfolgte parallel zu diesen Tätigkeiten. Im Juli 2010 wurde Johannes Wienand in Konstanz promoviert. Er erlangte das Gesamtprädikat ‚summa cum laude’ für eben die Arbeit „Der Kaiser als Sieger. Metamorphosen triumphaler Herrschaft unter Constantin I.“, für die er jetzt mit dem Walter Hävernick-Preis geehrt wird. Auch in dieser Zeit der Doppelbelastung durch Projekttätigkeit und Promotion zeichnete sich Wienand durch, für Althistoriker nicht immer selbstverständliche, Mobilität aus: 2008 ein zweimonatiger Forschungsaufenthalt an der Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik in München, 2009 ein dreimonatiger Forschungsaufenthalt an der Faculty of Classics an der University of Cambridge und 2010 ein sechsmonatiger Gastaufenthalt am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit Oktober 2011 ist Johannes Wienand als Akademischer Rat am Lehrstuhl für Alte Geschichte des Instituts für Geschichtswissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf angestellt. Er ist dort neben anderen Verpflichtungen auch der Kustos der numismatischen Sammlungen der Heinrich-Heine-Universität. Mit der Anstellung von Johannes Wienand knüpft das Institut nach längeren Jahren Unterbrechung wieder an numismatisch glorreiche Zeiten an, als dort gleichzeitig Dietmar Kienast, Ruprecht Ziegler und Otfried von Vacano tätig waren und Düsseldorf einer der numismatischen Leuchttürme in Deutschland war. Die Promotionsarbeit von Dr. Wienand wurde 2012 als eine 646 Seiten umfassende Monographie in der renommierten Reihe ‚Klio. Beiträge zur Alten Geschichte’ veröffentlicht. Die Numismatische Kommission der Länder der Bundesrepublik Deutschland wünscht dem Preisträger des Walter Hävernick-Preises für 2013 alles Gute für seinen weiteren akademischen Werdegang und allzeit einen offenen Blick auf die vielen numismatischen Themen an der Schnittstelle zwischen Münzkunde, Alter Geschichte und Altphilologie.

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