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(05.05.2015) Griechische Münzen – Zusammenarbeit im digitalen Zeitalter


(05.05.2015) Griechische Münzen – Zusammenarbeit im digitalen Zeitalter

Am 15. April 2015 fand in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ein internationales Treffen zu den Möglichkeiten der Zusammenarbeit bei der Erfassung und Publikation antiker Münzen im digitalen Zeitalter statt. Es war die vierte Zusammenkunft dieser Art seit 2012 (zuvor in Berlin, Paris und London).

Protokoll der Zusammenkunft
Treffen in Berlin am 15. April 2015 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Jägerstr. 22/23, 10117 Berlin
Teilnehmer:
Carmen Arnold-Biucchi, Angela Berthold, Georgia Bousia, François de Callataÿ, Karsten Dahmen, Amelia Dowler, Frédérique Duyrat, Jürgen Freundel, A. J. Gatlin, Sascha Grabsch, Lily Grozdanova, Ethan Gruber, Jannis Hourmouziadis, Chris Howgego, Hristina Ivanova, Sergei Kovalenko, Stefan Krmnicek, Evangeline Markou, Andrew Meadows, Adrian Popescu, Mariangela Puglisi, Ute Wartenberg Kagan, Bernhard Weisser, David Wigg-Wolf

Begrüßung, Einführung und Bericht über die Entwicklungen seit dem letzten Treffen in Paris
Das Treffen fand im Vorfeld der Konferenz ‚Thrace - local coinage and regional identity: Numismatic research in the digital age‘ statt, die vom 15.-17. April 2015 in Berlin tagte. Der diesjährigen Berliner Sitzung gingen Zusammenkünfte in Berlin 2012 sowie in Paris und London 2014 voraus. Zweck der gemeinsamen Besprechung war, eine Austauschmöglichkeit vor dem Internationalen Numismatischen Kongress in Taormina im September 2015 zu bieten. Nach einer kurzen Begrüßung und Einführung durch Ulrike Peter berichteten Andrew Meadows und Frédérique Duyrat über die Fortschritte des Projekts OGC (Online Greek Coinage) seit dem letzten Treffen vor einem Jahr in Paris. A. Meadows betonte, das Ziel der Zusammenkunft sei nicht Entscheidungen zu treffen, sondern den Informationsaustausch über die Entwicklungen in den verschiedenen Institutionen zu fördern. Es sollte sich um eine für jeden offene Gruppe handeln, deren gemeinsames Ziel es ist, die Digitalisierung in der Numismatik voranzutreiben. Jeder sei herzlich eingeladen, sich an diesem enormen Kraftakt zu beteiligen, der im Moment hauptsächlich von der ANS unternommen wird. Seit dem Jahr 2014 kommen aber mehr und mehr Unterstützer aus dem Kreis der Institutionen und Kollegen dazu. F. Duyrat berichtete über zwei Vorhaben in Paris: 1) das Projekt zu den gedruckten Auktionskatalogen und 2) das Projekt zu den Ausgrabungsfunden. Das erste hat die finanziell aufwändige Digitalisierung der in französischer Sprache abgefassten, in der Bibliothèque nationale de France aufbewahrten numismatischen Auktionskataloge zum Ziel. Dies betrifft 3.821 Exemplare aus dem Pariser Gesamtbestand von 16.321 Katalogen. Das zweite Projekt geht auf eine Idee zurück, die im Rahmen eines Kolloquiums zu Ausgrabungsfunden im November 2014 angestoßen wurde. In Zusammenarbeit mit der Ecole Française d’Athènes werden die Fundmünzen der Ausgrabungen von Thasos, Argos und Delos in einem speziell entwickelten Datenblatt erfasst und online in einem Linked Open Data-Format zugänglich gemacht.
Weiterhin berichteten sie kurz über die Konstituierung des Lenkungsausschusses (‚steering committee‘), der im letzten Jahr die Einrichtung von permanenten URIs als Hauptthema verfolgte. Finanziert wurde dieses Projekt teilweise durch Gelder des INC für die Entwicklung von nomisma.org und OGC. Ein Team stellt Listen der Münzherren zusammen, arbeitet an den Eingabeformularen für die standardisierten Beschreibungen, versucht das Projekt zu gliedern und Datentests durchzuführen. Die Notwendigkeit von URIs für Münztypen und Literatur und die verschiedenen Wege diese zu erhalten wurden diskutiert. Um permanente URIs für Literaturzitate, besonders für Aufsätze, zu kreieren oder zu erhalten, bietet sich möglicherweise an, die Zenon-URIs des Deutschen Archäologischen Instituts zu nutzen.
A. Meadows zeigte einige neue Funktionen von nomisma.org. So wurde die Hortfund-Abteilung von der nomisma Website entfernt und hat jetzt unter coinhoards.org eine neue Heimat. Auf nomisma.org wurde eine Ontologie bereitgestellt, die von Karsten Tölle mitentwickelt wurde. Einzeldatenbanken können jetzt diese Ontologie aufnehmen. Ein Beispiel dafür sind die antiken Fundmünzen in Europa (http://afe.dainst.org/d2rq/). Die Karte kann jetzt nicht nur einzelne Orte, sondern auch Regionen anzeigen.
E. Gruber konnte berichten, dass es bei nomisma beinahe 40.000 Anfragen täglich gibt und diese häufig Fragen des Kulturerbes betreffen. Nomisma ist somit einer der am meisten genutzten Linked data Services im letzten OCLC Bericht (http://hangingtogether.org/?p=4137).
Als Themen für den Runden Tisch beim INC in Taormina wurden vorgeschlagen: Lenkungsausschuss, Eingabeformulare, nomisma ID’s, Website und Nutzerhandbuch. Die Teilnehmer unterstrichen die Wichtigkeit eines Handbuchs, welches bereits in Vorbereitung ist.
Beispiele für Spezialstudien
Es folgte eine Sektion mit 10-minütigen Vorträgen, in welcher zunächst vier Projekte zu Einzelthemen vorgestellt wurden.
Evangeline Markou berichtete über die Fortschritte ihre Projektes SilCoinCy seit dem Treffen in Paris. Zum Projektende im Juli 2015 wird ihre Internetseite mit allen Funktionen online sein (www.kyprioscharacter.eie.gr). Zusätzlich zu ihrer Datenbank der zypriotischen Münzen konnte sie 50 Wissenschaftler gewinnen, Aufsätze zu Zypern zu verfassen, welche sie auf der Projektseite veröffentlichen wird. Zunächst werden nur die Silbermünzen online zu sehen sein, aber sie hat bereits mehr Material gesammelt.
Im Anschluss stellte Ulrike Peter den momentanen Stand des Projektes CNT – Corpus Nummorum Thracorum (www.corpus-nummorum.eu) vor. Viele Funktionen der Website, wie z. B. die verschiedenen Suchmöglichkeiten, aber am wichtigsten die Registrierung, stehen nun zur Verfügung. Nach der Registrierung können Benutzer eigenständig thrakische Münzen in das Portal eingeben. U. Peter betonte bezüglich des Aufbaus eines Online-Corpus der griechischen Münzen die Wichtigkeit von Experten für jede antike Region, die die Redaktion der Daten übernehmen. Außerdem sei die Standardisierung von Münzbeschreibungen, die idealerweise auch dauerhafte URIs von nomisma.org erhalten, notwendig.
Mariangela Puglisi zeigte die Funktionen von DIANA. Digital Iconographic Atlas of Numismatics in Antiquity (http://ww2.unime.it/diana/). Diese ikonographische Suche für Münzen ist in vier Hauptkategorien unterteilt: Personen, Flora, Tiere und Monster sowie Objekte. Im Moment wird in die Datenbank Material aus Auktionskatalogen eingegeben, es ist aber geplant, auch die numismatische Sammlung des Museums von Syrakus einzubeziehen. Die Suchergebnisse können als Liste in Form von Katalogeinträgen oder als Karte mit geographischer und zeitlicher Verteilung ausgegeben werden. Ziel des Projektes ist es, diese Methode zu teilen.
François de Callataÿ präsentierte sein Projekt GOD (Greek Overstrikes Database), für das er seit 30 Jahren zusammen mit David MacDonald alle Überprägungen griechischer Münzen sammelt. Als Format zur Verbreitung und zum Austausch benutzt er die Internet-Plattform Pinterest. (https://www.pinterest.com/francoisdecalla/greek-overstrikes-database-macedonia-late-hellenis/). Momentan sind dort die überprägten thrakischen Münzen (Odessos and Mesambria, Maroneia and Thasos) und die späthellenistischen von Makedonien zu sehen.

Status quo der Digitalisierung
Für die American Numismatic Society (ANS) berichtete Ute Wartenberg Kagan über die Vorbereitung und geplante Fertigstellung zweier Linked-data-Projekte bis zum INC in Taormina: PELLA zur Münzprägung der Argeaden und SCO - Seleucid Coins Online. Ein Fünftel der Sammlung der ANS an griechischen Münzen wird nach Beendigung der beiden Projekte mit neuen Fotografien und korrekten und standardisierten Daten zur Verfügung stehen. Ethan Gruber arbeitet zusammen mit Jere Bacharach (Münzsammlung der Ägyptischen Nationalbibliothek) an einem Linked Data Projekt zu islamischen Münzen. Weiterhin sind die Publikationen der ANS jetzt auch über die Hathi Library und Google Books zugänglich (http://babel.hathitrust.org/cgi/mb?a=listis;c=1850525919).
Frédérique Duyrat konnte für die Pariser Sammlung die stolze Zahl von 121.325 griechischen Münzen, die jetzt in der Datenbank erfasst sind, präsentieren. Die Suchmöglichkeiten, die die Datenbank bislang bietet, beziehen sich auf Abteilung, Sammlung oder Geografie.
Im Namen des British Museum informierte Amelia Dowler über Änderungen in der Bilddatenbank seit November 2014, die zu einigen Problem geführt haben. Eine Zählung der Münzen ergab, dass das Museum etwa 800.000 Exemplare besitzt, 650.000 davon sind bereits online. Die übrigen Münzen (besonders die mittelalterlichen sowie die modernen und etwa die syrischen RPC-Münzen) werden im Lauf der nächsten 5 Jahre online gehen. Ab dem nächsten Jahr wird es eine extra Datenbank für die Gipsabgüsse geben, da diese nicht in der Hauptdatenbank erscheinen sollen.
Adrian Popescu berichtete über die Entwicklungen im Fitzwilliam Museum in Cambridge und bei SNG online. Für SNG online werden im Moment Eingabetabellen entwickelt. In die Online-Sammlung des Museums wurden neue Filter zur Suchverfeinerung integriert. 1/3 der Bestände ist inzwischen online erfasst und alle Daten sind mit dauerhaften Identifikatoren versehen. Weiterhin wird die McClean-Sammlung digitalisiert. Popescu betonte die dringende Notwendigkeit eines allgemein gültigen Eingabehandbuches für Münzen.
Sergei Kovalenko gab einen Einblick in die Online-Sammlung des Puschkin Museums, Moskau, welche unter www.coins-and-medals.ru die Prachtstücke der Sammlung präsentiert und unter anderem eine sehr beeindruckende Zoomfunktion besitzt. Für die gesamte Sammlung gibt es bereits eine interne Datenbank.
Karsten Dahmen informierte über die Neuerungen in der Datenbank des Münzkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin (www.smb.museum/ikmk), in der jetzt über 24.000 Objekte online sind. Die Neuerungen betreffen v. a. Maßnahmen zur Standardisierung und somit Kompatibilität der Daten. Stichworte sind hier Links zum Katalog der DNB (Deutsche Nationalbibliothek), zu VIAF (Virtual International Authority File), Wikipedia und Geonames. Jede Datei ist als LIDO-export erhältlich. Weiterhin arbeitet Berlin an den Entwicklungen bei nomisma mit.
Bernhard Weisser berichtete über die Erwerbung des Fotoarchivs der Firma Lübke und Wiedemann durch das Münzkabinett. Das Archiv besteht aus mehr als 1,7 Millionen Münzfotos von Auktionen. Diese riesige Menge an Fotos, verknüpft mit Informationen zu den Münzen aus den Auktionskatalogen, wartet nun darauf, z. B. in das Portal CNT eingegeben zu werden. Er betonte die Wichtigkeit der Sammlung von Objektdaten in wissenschaftlichen Datenbanken als wirksame Maßnahme des Kulturgüterschutzes.
Jannis Hourmouziadis, ein Privatsammler mit eigener Datenbank, der sich bereit erklärt hat, seine thrakischen Münzen in CNT zu zeigen, stellte seine Website vor. Diese hat er mit dem netscape composer gebaut. Er betonte, dass er sich für Münzdatenbanken in Zukunft eine Systematisierung der Darstellung der Monogramme, die Mehrsprachigkeit sowie eine einfache Suche für alle Münzen (sammlungsübergreifend) und ein Programm zur Bilderkennung wünscht (zum letzten Punkt gibt es bereits ein Projekt an der ANS).
Diskussion
Hauptthema war die Weiterentwicklung von OGC. Um schnelle Fortschritte zu erzielen, wurde beschlossen, zunächst eine sehr einfache sammlungsübergreifende Suche zu etablieren, die zunächst nur wenige Suchoptionen wie die Suche nach Münzstätte, Gewicht, Metall und Münzherr zulässt. Die notwendige Standardisierung soll dadurch erreicht werden, dass Beitragende Links zu nomisma Suchbegriffen bereitstellen. Diese einfache Suche wäre ein erster Schritt zu einem Corpus der griechischen Münzen, das OGC in einem späteren Stadium sein soll.
Auch die in coinarchives.org befindlichen Münzen könnten in solch eine einfache Suche miteinbezogen werden. A. J. Gatlin versprach, den Zugang zu seinem Archiv von über 3 Millionen Münzen zu ermöglichen. Hierzu wird er einen Endpunkt mit URLs und einem speziellen copyright-Hinweis programmieren.
Weiterhin wurde die Notwendigkeit der Arbeit mit ‘korrekten Daten’ betont. Welche Daten zu den ‚Hauptdaten‘ eines Stückes und seiner typisierten Beschreibung gehören, muss weiter diskutiert werden.
Es besteht der Bedarf einer Plattform, z. B. auf der OGC Website, zum Austausch von Neuigkeiten und Informationen, um das Projekt besser koordinieren zu können. Jeder sollte sich dort einfach informieren können, um doppelte Arbeit zu vermeiden und das Projekt weiter vorantreiben zu können. Auch die Website des INC könnte als ein solches Informationsportal dienen.
Corpus Nummorum Thracorum, das Zypern-Projekt von E. Markou und eventuell ein weiteres Projekt von Koray Konuk zu Karien können als Beispielprojekte für spezialisierte Regionalstudien dienen, die in einer späteren Phase in OGC integriert werden. Für diese könnte OGC als übergreifendes Portal fungieren.
Probleme des OGC-Projekts betreffen dessen Permanenz, die Leitung, die Kontrolle und die Finanzierung. Ungeachtet dessen ist die Notwendigkeit des Projektes, offensichtlich nicht zuletzt aus Sicht des Kulturgüterschutzes, unbestritten. Die Münzkabinette in Berlin und Paris sowie die Amercian Numismatic Society und weitere Institutionen und Personen sind daran interessiert, zu solch einem Experiment beizutragen.
Zusammenfassend wären die nächsten wichtigen Schritte eine einfache übergreifende Suche zu konstituieren und finanzielle Unterstützung für das OGC-Projekt zu finden. Die ANS, Berlin, Paris, Oxford, Cambridge und eventuell Harvard haben eine Kooperation zugesagt. Mehr Spezialisten sollten in das Projekt einbezogen werden, um z. B. das Problem der Darstellung von Monogrammen zu lösen.
Bis zum INC in Taormina soll ein Handbuch für Eingebende entwickelt und nach Fördermöglichkeiten Ausschau gehalten werden.
Angela Berthold
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